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Er verschwand am Tage

Summary:

»Wenn ich durch eine Dornenhecke kriechen müsste, bräuchte ich wahrscheinlich auch was gegen die Schmerzen.«
»Das hier gehört zu den stärksten Schmerzmitteln, die man rezeptfrei bekommt. Man nimmt die normalerweise gegen Gliederschmerzen. Die Wirkung ist langanhaltend. Die hat er sich garantiert nicht zugelegt, weil er ein wenig im Garten schuften musste. Ich glaube, da steckt etwas ganz anderes hinter.«

Sören, ein Mitschüler der KARGA-Gang, der allen als Fiesling bekannt ist und auch körperlichen Auseinandersetzungen selten aus dem Wege geht, erscheint plötzlich nicht mehr zum Unterricht. Auch zu Hause lässt er sich nicht mehr blicken. Angeblich sei er krank. Aufgrund von weiteren Ungereimtheiten muss selbst Ceylan über ihren Schatten springen, und die fünf Spürnasen eilen ihrem ungeliebten Kameraden zur Hilfe.

Notes:

... und gleich den nächsten hinterher! ;) Diesmal ungewöhnlich ernst für meine Verhältnisse ...

Enjoy this one, too! :)

In der amtlichen Nummerierung entspricht dies dem zweiten Teil des ersten Doppelbandes (Band 1B).

Chapter 1: Kampf ums Pausenbrot

Chapter Text

Die flüssigen Überreste des Wolkenbruchs über Brüntrop in der vergangenen Nacht zum heutigen Dienstag hatte die Sonne inzwischen zum größten Teil verdunsten lassen. Lediglich einzelne Pfützen lagen noch auf dem Schulhof der Albrecht-Dieterich-Gesamtschule, von den hiesigen Schülern nur ›Aldi‹ getauft.
Doch nicht nur die Asphaltdecke des Schulhofes war erhitzt, sondern auch das Gemüt einiger Schüler. Allen voran Ceylan. Dann nämlich, als sie Sören aus der 8C erblickte.
Sie hatten sich vom ersten Tage an nicht leiden können, und das Level an Sympathie, welches schon im Keller begonnen hatte, war von dort an jeden weiteren Tag umso mehr gesunken.
Ceylan hatte sich damit arrangiert, doch es gab Momente, in denen ihr die Hutschnur platzte.
»… jetzt pass mal auf, du Würstchen!« fuhr Sören soeben Jonas aus der 6A an. »Entweder, du rückst deine Stulle raus, oder du kannst gleich deine Zähne einzeln aufsuchen!«
»Ich … ich hab nichts …«, stammelte der mittelgroße, spindeldürre Siebtklässler. »Wirklich nicht.«
»Für Lügen gibt’s noch ’ne gebrochene Nase extra!« Sören, der Jonas um einen Kopf überragte und deutlich kräftiger gebaut war, hatte bereits in drohender Haltung seine Faust erhoben.
»Aber ich lüge nicht!« gab Jonas verzweifelt zurück. »Ich … ich hab heute verpennt! Ich hatte keine Zeit mehr!«
»Verscheißern kann ich mich alleine!« Sören war vor Wut rot angelaufen.
»Aber …«
Sören ließ aus seiner Faust den mittleren Fingerknochen ein Stück herausgucken. Das würde seinem Schlag noch um einiges mehr Wucht verleihen. »Zum letzten Mal, Hosenscheißer: Rück – dein – Brot – raus!« Er brüllte fast.
Für Ceylan war der Moment gekommen, dazwischenzugehen. Da sie eine Vorahnung hatte, winkte sie unauffällig auch Gereon und Jacqueline heran. »Lass ihn in Ruhe«, sagte sie betont ruhig.
Sören fuhr herum. Er hatte nicht erwartet, von hinten angesprochen zu werden. »Was willst du denn?!«
»Schwerhörig, oder was? Du sollst ihn in Ruhe lassen.«
»Sei du mal ganz leise!« Sören brüllte weiterhin den halben Schulhof zusammen. »Das ist unsere Angelegenheit, kapiert?!«
Ceylan schüttelte den Kopf. »Durchaus nicht. Ich guck mir bestimmt nicht mit an, wie du dich an Schwächeren vergreifst.«
»Dann verpiss dich doch!« Sören ließ von Jonas ab, drehte sich nach Ceylan um und baute sich ebenso drohend vor ihr auf.
»Du zuerst«, gab Ceylan zurück.
Sören trat einen Schritt näher. »Von ’ner Dönerkuh lass ich mir ’nen Scheiß sagen! Geh doch Ziegen melken oder so was!«
Ceylan schnaufte. »Das ist also dein Niveau. Naja. Wie kam ich auch auf den absurden Gedanken, von dir mehr zu erwarten?«
»Kannst wohl kein Deutsch, was? Verpissen – du – dich!« Er drehte sich nach Jonas um, der immer noch dastand wie angewurzelt. »Noch was zu sagen, du Pimpf?!«
»Nein … ich …«, stammelte Jonas.
Sören hob erneut seine Faust.
Ceylan reichte das. Ehe Sören Jonas schlagen konnte, drückte sie seine Faust nach unten.
Doch Sören ballte die andere Faust. Wutentbrannt funkelte er Ceylan an. »Stehst auch auf Schläge, was?«
Ceylan drückte auch die andere Faust weg. Sören befreite beide Hände rasch, bekam Ceylans Schultern zu fassen und verpasste ihr einen Schubser.
Als ob sie darauf gewartet hätte, holte Ceylan aus.
Noch ehe Sören wusste, wie ihm geschah, schallte es plötzlich. Die Ohrfeige war über den ganzen Schulhof zu hören.
Doch Sören wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Er ballte die Faust erneut. »Das kriegst du wieder«, verkündete er. »Eigentlich schlag ich keine Weiber, aber …«
Doch die Faust, die Ceylans Magengrube treffen sollte, traf lediglich Luft. Ceylan wich gekonnt aus.
Sie vollführte eine Pirouette. Dann schnellte ihr Bein vor – und traf Sörens Magengrube.
Sören taumelte zurück und wäre beinahe mit dem Hinterkopf an der steinernen Wand des Schulgebäudes gestoßen. Doch er krümmte sich vor Schmerz.
Jonas hatte in der Zeit unauffällig das Weite gesucht.
»Au …!« Er lief kreidebleich an. »Du kleines Dreckstück!« stieß er aus. »Dich mach ich fertig!«
»Is’ klar«, gab Ceylan zurück. »Wohl vergessen, dass ich fünf Jahre Kickboxen hinter mir hab und den Lowkick beherrsche. Das ist jetzt dein Pech.«
»Du … du …« Er krümmte sich weiterhin. Doch ehe ihm noch eine Beleidigung hätte einfallen können, rappelte er sich auf. Ihm war sichtlich übel. »Ich muss mal aufs Klo.«
Ceylan ließ ihn ohne weitere Worte davontaumeln.
»Was ist hier los?!« hörte sie auf einmal die Stimme von Direktor Lohse hinter sich.
Sie drehte sich um und zuckte mit den Schultern. »Es gab eine kleine Meinungsverschiedenheit«, gab sie zurück.
»Meinungsverschiedenheit«, wiederholte Direktor Lohse. »Ja, ja! Das kenn ich von dir, Ceylan Cengiz.«
»Sören wurde handgreiflich. Was hätte ich machen sollen?«
Gereon schaltete sich ein. »Sie sollten wirklich mal ein Auge auf Sören Nölting haben, Herr Direktor«, sagte er. »Vor allem mal zusehen, dass er Jonas Altenkotten in Ruhe lässt. Ständig zieht er ihm das Pausenbrot ab.«
»So, so. Und jetzt geht’s ihm schlecht, und keiner weiß, wie das passieren konnte.« Direktor Lohse schüttelte den Kopf. »Und Karate Kid hier ist wieder die Unschuld vom Lande.«
»Sie waren ja anscheinend nicht dabei!« mischte sich Jacqueline ein. »Ceylan hat sich nur gewehrt. Wir haben’s beide gesehen. Und überhören konnte man’s ja auch nicht, da müsste man schon Bohnen in den Ohren haben. Oder sich drauf setzen, aber mit der dickeren Backe zuerst.«
»Dein vorlautes Mundwerk, Jacqueline Radetzki, wird auch eines Tages noch Konsequenzen haben«, gab Direktor Lohse zurück und wandte sich wieder an Ceylan. »Ich darf unterstellen, das lief diesmal ohne Provokation ab? Oder was ist dein Anteil daran?«
»Ich bin dazwischengegangen, als er Jonas abziehen wollte«, antwortete Ceylan. »Dann wollte er ihn schlagen. Und auf einmal wollte er dann auf mich los.«
Gereon nickte. »Das stimmt. Wir können das bezeugen.«
»Ah ja.« Direktor Lohse schien das nicht glauben zu wollen. »Drei vom Quintett, das eh bei allem zusammenhält. Cengiz, Radetzki, Rösrath, Voss, Herborn. Ihr glaubt auch, ich bekomme nichts mit. Nun ja, nochmal lass ich Gnade walten. Aber wenn ich hier weiterhin Gewalteskalationen erleben muss, wird eine Disziplinarkonferenz fällig! So, ab in eure Klasse jetzt, die Pause ist gleich vorbei.«
Mit diesen Worten stapfte der Direktor davon.
Jacqueline sah ihm nach. »So ’ne Flachzange«, quittierte sie. »Die Schule könnte brennen, und der würd’s nicht mitkriegen. Totale Fehlbesetzung als Obermotz. Der sollte ein Altenheim leiten oder so. Oder nee, selbst da sind alle geistig fitter als der.«
»Seine Kompetenz ist ausbaufähig«, formulierte Gereon es in diplomatischeren Worten. »Aber ich glaub nicht, dass es ’ne Diszi gibt. Der vergisst doch eh wieder, was abgelaufen ist.«
»Wir erinnern ihn gerne dran«, meinte Ceylan. »Immerhin war ich im Recht. Glaubt bloß nicht, ich lass mich von dem einschüchtern. Nicht, solange hier miese Typen wie Sören herumrennen.«

***

Den restlichen Vormittag sah oder hörte niemand mehr etwas von Sören. Der Unterricht lief ab wie gewohnt.
Nach der Schule traf sich die KARGA-Gang – Gereon, Fred, Ceylan, Jacqueline und Ronja – wieder auf dem Schulhof. Sie tranken Cola aus der Dose. Erst da erblickten sie Sören wieder. Er schien sich auf sicherer Entfernung halten zu wollen, hatte die fünf aber durchaus bemerkt. Feindselig starrte er Ceylan kurz an, nur um wieder das Weite zu suchen.
Jacqueline sagte: »Guckt euch den an!«
»Lasst mal«, meinte Ceylan. »Ich hab den für heute genug gesehen.«
Fred und Ronja waren natürlich inzwischen über den Vorfall in der großen Pause informiert worden und hatten das wortlos, aber mit Kopfschütteln kommentiert.
»Heute ist er aber auch wirklich auffällig aggressiv«, kommentierte Fred. »Dass er dich, Ceylan, nicht leiden kann, ist ja hinlänglich bekannt. Aber dass er so ausfallend wird und sich sogar noch mit dir anlegt, ist ein Novum.«
Ceylan nickte. »Ich musste darüber auch schon nachdenken. Wir gehen uns eigentlich schon seit Jahren aus dem Wege. Er weiß eigentlich, wie das endet.«
»Das mit der Dönerkuh hätte der sich echt mal klemmen können«, befand Jacqueline. »Immer schön gegen die Herkunft schießen, wenn einem die Argumente ausgehen. Aber das sieht ihm ja ähnlich.«
»So ähnlich dann auch wieder nicht«, entgegnete Fred. »Okay, er hat mich mal als ›fettigen Frittenstängel‹ tituliert. Da kann man aber streiten, ob er das darauf bezieht, dass ich halt halber Belgier bin, oder er meinte unvorteilhaft angebrachte Taille damit im Sinne hatte.«
»Spielt ja auch keine Rolle«, gab Jacqueline zurück. »Klemmen kann er sich’s so oder so.«
»Aber auch seine Aggression«, schaltete sich Ronja ein. »Er geht auf Schwächere los, ja, das kennen wir. Aber wer länger als drei Tage hier auf die Aldi geht, weiß eigentlich, dass man gegen Ceylan nur den Kürzeren ziehen kann.«
»Ach, quasseln wir nicht so viel von dem«, meinte Jacqueline. »Fest steht doch, der Typ hat ’ne Fresse wie’n Duden. Aufschlagen, zuschlagen, immer wieder nachschlagen.«
»Zustimmung in beiden Punkten«, befand Ceylan.
»Wo wir eben von Fritten sprachen«, sagte Gereon. »Ceylan, wann machen deine Eltern eigentlich das IZMIR ÜBEL wieder auf?«
»Bis die Handwerker da waren«, gab Ceylan zur Auskunft. »Kann also morgen wieder offen sein, aber genauso gut drei Monate.«
»Drei Monate ohne meinen Döner mit extra scharfer Soße?« Jacqueline hatte einen leichten Anflug von Panik in ihrer Stimme. »Das kann ja witzig werden. Ist ja fast ’ne Diät.«
»Bei uns gibt’s heute Rinderbraten«, meinte Ronja. »Vielleicht könnt ihr ja mit.«
»Ach, Elsa hat den Geist aufgegeben?« fragte Gereon nach. »Gut, für ’ne Kuh in ihrem Alter passt das schon.«
»Dann wird’s heute also ein saftiges Stück Fleisch – auch wenn wir dessen Namen kannten, als es noch kein Fleisch war«, meinte Jacqueline. »Wenn ich auch sonst keine guten Gründe hab, um bis ganz nach Osterbauerschaft zu brettern, aber das ist ein sehr guter.«
»Dann laden wir uns spontan selbst ein«, sagte Gereon. »Wenn das kein Thema ist, heißt’s. Mein Vater ist eh den ganzen Tag beim Kurier, und Marco schiebt sich eh Tiefkühlpizza rein – das richtige Grundnahrungsmittel für einen Dreizehnjährigen. Muss man wissen.«
»Dann ab dafür.« Ceylan seufzte. »Genau die richtige Henkersmahlzeit für die Schularbeiten nachher.«