Work Text:
Es war einer dieser sehr heißen Tage in Rocky Beach, an denen man nichts anderes tun wollte, als rum zu sitzen und nichts zu tun. Sogar Onkel Titus und Tante Matilda hatten heute alles stehen und liegen lassen. Stattdessen saßen sie auf der Veranda ihres Hauses und genossen den Schatten.
Die drei Fragezeichen hingegen saßen vor ihrer Zentrale. Vor einigen Stunden hatte der Wohnwagen ihnen noch etwas Schatten gespendet, doch mittlerweile mussten sie sich auf einen Sonnenschirm verlassen, den Justus bereits vor einigen Tagen auf dem Schrottplatz entdeckt hatte.
Zu dritt saßen sie um einen Tisch herum. Jeder von ihnen hatte ein Glas mit eisgekühlter Limonade, an dem Kondenswasser langsam herunter floss. Peter wäre schon voll umfänglich zufrieden gewesen, wenn er einfach nur in dem, zugegebenermaßen etwas ungemütlichen, Campingstuhl vor sich hin zu vegetieren könnte und auch Bob hätte sich gut in einem Buch vertiefen können, doch Justus hasste nichts mehr, als einfach nur herum zu sitzen.
Doch auch Justus konnte sich der Hitze nicht entziehen und so sehr er nichts tun auch verabscheute, er hasste es noch mehr, zu schwitzen. Aber Justus wäre eben nicht Justus, wenn er sich nicht etwas einfallen lassen würde und so hatte er kurzerhand einen Stapel Karten aus einer Kiste gekramt, die Onkel Titus erst kürzlich bei einer Haushaltsauflösung ergattert hatte.
In der Mitte des wackligen, weißen Plastiktisches lag nun also ein sauber gestapelter Haufen Karten. Rot und Schwarz, in der Mitte das Wort ‘UNO’. Jeder kannte das Spiel und so hatten die drei Fragezeichen keine Zeit verloren und direkt losgelegt.
Ein Fehler, wie sich herausstellte, als Peter eine +2-Karte auf Bobs +2-Karte legte und danach Justus zufrieden angrinste. “Tja, Erster. Das macht dann vier Karten für dich.”
Justus, der schon darüber nachgedacht hatte, was er legen wollte, nachdem Peter seine zwei Karten aufgenommen hätte, runzelte die Stirn. “Wieso das denn? Du musst doch zwei ziehen.”
“Ich hab aber meine zwei addiert!”
“Das geht?”, mischte sich nun auch Bob ein. Ein verstohlener Blick in seine Karten eröffnete ihm ganz neue Möglichkeiten, wenn das eine Regel war.
Peter schüttelte den Kopf. “Ist das euer Ernst? Jetzt sagt bloß nicht, dass ihr die Regel nicht kennt.”
Seine beiden Kollegen sahen sich an und schüttelten dann ebenfalls ihre Köpfe. Peter betrachtete sie aus skeptisch zusammengekniffenen Augen an. “Wirklich? Oder sagt ihr das nur, damit ihr nicht ziehen müsst?”
“Wirklich, Zweiter”, bestätigte Justus, “Ich finde, dass die Regel aber durchaus ihren Charme hat. Dadurch können wir das Spiel noch aufwerten. Ich ziehe also vier Karten.” Das passte dem ersten Detektiv zwar überhaupt nicht, doch er würde bestimmt bald die Möglichkeit bekommen, seinen Richtungswechsel zu spielen und es Peter heimzuzahlen.
Justus wollte gerade eine seiner vier neu gezogenen Karten auslegen, als Peter ihn unterbrach. “Also legen darfst zu jetzt aber nicht, Just.”
“Warum nicht?”
”Naja, weil du gerade ziehen musstest. Da darf man nicht legen.”
”Natürlich darf man das!”
“Nein?!”
Die beiden drehten sich zu Bob, der sofort abwehrend die Hände hob. “Ich kenne es auch so, dass man nach dem Ziehen legen darf.”
Peter schüttelte schon wieder den Kopf. “Na gut, von mir aus. Dann leg halt.”
Und das tat Justus auch. Er legte eine grüne Acht, Bob legte eine grüne Sechs, Peter eine grüne Null. Justus stöhnte genervt und hielt Bob sein Blatt hin, während der seine Karten an Peter weiterreichen wollte.
“Hä?, machte Peter, der die Szene zweifelnd beobachtete. “Was soll das?”
“Du hast eine Null gelegt”, sagte Justus, als ob das als Erklärung ausreichen müsste.
“Das seh’ ich wohl”, erwiderte der zweite Detektiv genervt, “Das erklärt aber immer noch nicht, warum ihr jetzt eure Karten tauschen wollt.”
“Bei einer Null gibt man die Karten in Spielrichtung an den nächsten Mitspieler weiter”, sagte Bob und hielt Peter immer noch seine Karten hin. “Sag bloß, du kennst die Regel nicht. Ich dachte, du hättest die Karte deswegen gelegt?”
“Ich hab schon wieder das Gefühl, dass ihr mich verarscht”; murrte Peter vor sich hin, nahm jedoch Bobs Karten und gab seine eigenen an Justus weiter.
Bevor einer der beiden anderen ihm versichern konnte, dass sie ihn nicht anlogen, warf er Bob einen bitterbösen Blick zu. “Du hast scheiß Karten.”
“Das sind jetzt deine scheiß Karten. Herzlichen Glückwunsch”, gab Bob zurück. Er selbst war aber auch nicht wirklich zufrieden mit seinem neuen Deck, das Justus ihm vermacht hatte. Vielleicht hätte er die Null-Regel einfach ignorieren oder dafür plädieren sollen, sie auszusetzen, da Peter sie offensichtlich nicht kannte.
Erst einmal war aber Justus wieder an der Reihe. Er legte erneut eine grüne Karte, Bob wechselte auf rot und ärgerte sich gleich danach. Er hatte nichts grünes legen können und die rote Karte, die mit der Zahl von Justus Karte übereingestimmt hatte, war seine einzige rote gewesen. Jetzt musste er hoffen, dass seine beiden Kollegen auf gelb oder blau wechseln würden.
Das geschah natürlich nicht, wäre ja auch zu schön gewesen. Nun blieb Bob nichts anderes übrig, als die schwarz-bunte Wunschkarte auszuspielen. “Ich wünsche mir gelb”, verkündete er und zuckte zusammen, als Peter die Hand auf den Ablagestapel knallte. “Was soll das denn?”
Sein Freund hatte die Augen wieder zusammengekniffen und starrte Bob abwartend an. “Ich zweifle dich an!”
Justus lachte kurz auf. “Ich glaube, die Wette verlierst du, Zweiter. Ich bin mir sicher, dass Bob wirklich keine rote Karte auf der Hand hat.”
“Wa- Woher willst du das wissen?”
“Das waren bis gerade eben noch meine Karten, schon vergessen?”
“Stop, stop!”, warf Bob ein. “Ich verstehe gar nicht was das soll!”
Sowohl Justus als auch Peter sahen den dritten Detektiv verständnislos an. “Wie jetzt?”
“Was zweifelt ihr denn an? Und warum?”
Peter nahm seine Hand vom Ablegestapel und zeigte auf die schwarze Karte, die Bob als letztes gelegt hatte. “Bei den schwarzen Wunschkarten kann man anzweifeln, ob derjenige, der sie gelegt hat, auch wirklich nichts anderes legen konnte.”
Das half Bob nur bedingt dabei, seine Verwirrung loszuwerden. “Darf man sie denn nicht legen, wenn man etwas anderes legen kann?”
“Eigentlich nicht”, ergänzte Justus.
“Und wie beweise ich, dass ich nichts anderes habe?”, fragte Bob. Langsam fing er an, sich darüber zu wundern, wie viele verschiedene Spielarten es beim Uno gab. Und wie viele von den Regeln, die sie bis hierhin besprochen hatten, wirklich im Regelwerk standen und wie viele davon einfach irgendwann dazugedichtet wurden. Vielleicht war das mal eine Recherche wert.
“Du zeigst uns deine Karten. Wobei das meiner Meinung nach gar nicht nötig ist” klärte ihn Justus auf, “Ich weiß ja schließlich, dass du keine rote Karte hattest.”
“Vergiss es”, warf Peter sofort ein, “Ich will sie sehen!”
Bob drehte seine Karten um, aber nur gerade so lange, dass seine Kollegen erkennen konnten, dass er wirklich keine passende Karte besaß. “Mal davon abgesehen, dass ich diese Regel gar nicht kannte, hab ich die Karte ehrlich nur gelegt, weil ich nichts anderes hatte.”
“Siehst du?”, fragte Justus, leicht süffisant an Peter gewandt und tippte dann auf den Stapel umgedrehter Karten. “Dann zieh mal deine sechs Karten, Zweiter.”
“Sechs?”, fragte Bob.
“Er hat dich zu unrecht herausgefordert und muss deswegen die vier Karten von der Wunschkarte und zwei zusätzliche Strafkarten ziehen.”
Peter sagte zu alledem nichts, zog verärgert seine Karten und blickte dann noch verärgerter auf die vielen Zahlen in seiner Hand.
“Und er darf nichts legen”, ergänzte Justus und setzte das Spiel mit einer gelben Drei fort. So wie Bob es sich gewünscht hatte.
Zufrieden nickte der dritte Detektiv, griff zwei Karten aus seinem Deck und legte sie auf den Stapel, der mittlerweile sehr unordentlich in der Mitte des Tisches lag. Zwei gelbe Sechsen lagen nun oben drauf.
“Was war das denn?”, fragte Justus. “Also falls du uns reinlegen wolltest, hat das nicht sonderlich gut funktioniert, Dritter.”
“Ehrlich Bob, für wie dumm hältst du uns? Als ob wir nicht bemerken würden, dass zu zwei Karten abgelegt hast”, ergänzte Peter und wollte schon eine der zwei Sechsen wieder vom Stapel nehmen, als Bob ihn dabei unterbrach.
“Wieso? Es gab gar nichts zu verbergen, das darf man!”
Peter sah ihn ungläubig an. “Bitte?” Dann sah er zu Justus. “Darf man?”
Justus zuckte mit den Schultern. “Da Bob die beiden Karten mit so einer Selbstverständlichkeit abgelegt hat, komme ich nicht umhin, ihm zu glauben, dass er das Spiel bisher immer mit dieser Regel gespielt hat.”
“Na schön”, gab Peter sich erstaunlich schnell geschlagen. Als er darauf hin zwei blaue Sechsen ablegte, wurde seinen beiden Freunden auch klar wieso.
Drei Runden brachten sie ohne weitere Zwischenfälle hinter sich, bevor Peter eine schwarze Zieh-Vier-Karte ablegte. “Die ist für dich, Just”, grinste er. “Und ich wünsche mir gelb!”
Kurz überlegte Justus, ob er den zweiten Detektiv anzweifeln sollte, ließ es dann jedoch bleiben. Peter war ein überaus schlechter Lügner und würde nicht so herausfordernd grinsen, wenn er noch andere Karten auf der Hand hätte.
Justus sah in seine eigenen Karten und grinste ebenfalls. Selbstbewusst lege er ebenfalls eine +4-Karte auf den Stapel. “Das macht dann wohl acht Karten für unseren Bob.”
Bob seufzte. Das hatte ihm ja gerade noch gefehlt. Acht Karten waren wirklich eine Hausnummer.
“Nein!”, grätschte Peter jedoch dazwischen.
“Wie ‘Nein’?”, fragte Justus verblüfft, “Ich denke, man darf die Zieh-Karten addieren, wenn sie passen?”
“Aber doch nicht die +4-Karten!”, rief Peter empört. Dann blitzte er Bob an. “Und gleichzeitig rausschmeißen darf man sie auch nicht!”
“Bis gerade eben kanntest du die Regel doch gar nicht. Woher willst du also wissen, dass man das nicht auch mit den +4-Karten machen darf?”
“Weil die schwarzen Karten einen Sonderstatus haben! Die normalen Regeln gelten für sie eben nicht.”
Bob war ein wenig unzufrieden darüber, aber die Argumentation erschien ihm schlüssig. Schließlich waren die Wunschkarten wirklich etwas besonderes im Spiel. “Von mir aus. Dann machen wir halt so weiter.”
Wieder vergingen drei Runden, dieses Mal sogar mit einem Richtungswechsel, nach dem Justus Peter endlich eine +2-Karte reindrücken konnte. Bob legte daraufhin eine grüne Zwei, Justus erwiderte mit einer grünen Drei. Peter legte eine grüne Vier und der erste Detektiv schmiss blitzschnell ebenfalls eine grüne Vier auf den Stapel.
“Du bist nicht dran, Erster”, ermahnte Peter ihn und Bob nickte zustimmend. “Du musst eine Strafkarte aufnehmen.”
“He! Jetzt wartet doch mal! Es ist erlaubt eine Karte einzuwerfen, wenn es genau die selbe ist”, wehrte sich Justus.
“Ernsthaft?”, fragte Peter verblüfft. Von dieser Regel hatte er noch nie gehört. Andererseits war ihm das im Laufe des Spiels nun schon so oft passiert, dass es ihn eigentlich nicht mehr wundern sollte.
“Ja, ernsthaft. Man muss nur schnell genug sein, bevor der nächste seine Karte legt.”
Peter sah zu Bob, der mit den Schultern zuckte. “Ganz ehrlich? Mich überrascht hier nichts mehr. Und eigentlich finde ich die Regel ganz witzig. Wer ist denn dran, wenn du jetzt eine Karte eingeworfen hast?”
“In dem Fall jetzt ist Peter wieder dran. Du wurdest damit quasi übersprungen, Bob.”
Das schmeckte Bob gar nicht und er ärgerte sich schon wieder, dass er den Regeln nicht widersprach, obwohl er sie gerade noch als witzig bezeichnet hatte. “Ok, also fügen wir ‘Reinwerfen’ zum Regelwerk hinzu.”
“Dürfte ich das auch mit den schwarzen Karten?”, fragte Justus, etwas kleinlaut, denn er konnte sich die Antwort schon denken.
Ein einstimmiges und energisches “Nein!” seiner beiden Kollegen bestätigte seine Theorie und er nickte nur. Die Frage hätte er sich wirklich sparen können.
Peter legte eine grüne sieben, rieb sich kurz das Kinn und reckte seine Karten dann Bob hin, der sie seufzend annahm. Immerhin hatte Peter aktuell drei Karten mehr als er. Jetzt mit ihm tauschen zu müssen, war mehr als ärgerlich.
“Was macht ihr da?”, fragte Justus verwirrt.
“Du kennst eine Regel, mit der man einfach seine Karten in den Stapel pfeffern darf, aber du weißt nicht, dass man bei einer Sieben mit einem beliebigen Spieler tauschen darf?”, fragte Bob.
Etwas eingeschnappt sah Justus auf seine Karten hinab. “Das mit dem Reinwerfen ist eine ganz normale Regel. Und gepfeffert habe ich hier überhaupt nichts.”
“Wie auch immer, Erster. Die Sieben ist eben so etwas wie eure komische Null”, warf Peter ein, “nur halt anders.”
“Sehr hilfreich, Zweiter.”
“Du bist dran, Erster”, unterband Bob die Diskussion, nachdem er selbst eine grüne Neun gelegt hatte. Es wurde wirklich Zeit, dass sie dieses Spiel beendeten. Ihm schwirrte jetzt schon der Kopf vor lauter neuen Regeln.
•• ━━━━━ ••●•• ━━━━━ •••• ━━━━━ ••●•• ━━━━━ •••• ━━━━━ ••●•• ━━━━━ ••
“Gott sei Dank, ist diese Runde zuende”, stöhnte Justus, nachdem Bob endlich seine letzte gelbe Vier auf den Stapel gelegt hatte. Der erste Detektiv schmiss seine Karten offen auf den Tisch und nahm einen großen Schluck von seiner Limonade. Sie war schon längst nicht mehr kühl, geschweige denn kalt, was ihn ärgerte.
“Wie ‘zuende’?”, fragte Peter verblüfft. “Ich hab doch auch noch Karten.”
“Ja und?”, erwiderte Justus. “Bob hat die Runde gewonnen und wir beide müssen jetzt unsere Punkte zählen.”
“ES GIBT PUNKTE?”
“DAS WUSSTEST DU NICHT?”
“Wir spielen nie wieder Uno!”, beschloss Bob und räumte die Karten zusammen. “Lasst uns lieber ‘Mensch ärger dich nicht’ spielen. Da sind die Regeln wenigstens eindeutig.”
