Chapter Text
Lieber Justus,
Ich bedauere, dass wir uns bei unserer letzten Begegnung nicht mehr persönlich austauschen konnten. Ich gratuliere dir zu einem erneuten Unentschieden. Ich hoffe, du warst nicht allzu enttäuscht über meine Freilassung.
Es wird dich allerdings freuen zu hören, dass ich zurück in Frankreich angekommen bin und ihr in nächster Zeit eure Ruhe haben werdet. Wobei ich nicht daran zweifle, dass euch auch ohne mich genügend Fälle finden werden.
Lass mich bei Gelegenheit wissen, wie dir das Studium zusagt.
Victor Hugenay
Monsieur Hugenay,
Ich hoffe, Sie haben eine schöne - oder sollte ich eher sagen erfolgreiche - Zeit in Frankreich. Das Studium erfüllt soweit meine Erwartungen.
Justus Jonas
P.S. Vielen Dank. Ich bin Ihnen etwas schuldig.
Lieber Justus,
Wenn überhaupt, war ich dir etwas schuldig. Lass mich einfach ab und an wissen, wie es dir geht, d’accord?
Victor Hugenay
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Lieber Justus,
Ich möchte dir herzlich zu deinem Abschluss gratulieren. Ich werde deine weitere Karriere gespannt verfolgen. Ich sehe davon ab, mein Angebot zu wiederholen, um mir die erneute Rückweisung zu ersparen. Es ist sicherlich Großes von dir zu erwarten, ungleich auf welcher Seite des Gesetzes.
Victor Hugenay
Monsieur Hugenay,
Vielen Dank. Dann sehe ich davon ab, Ihr Angebot erneut auszuschlagen.
Ich habe das Buch gelesen, das Sie mir empfohlen haben. Mich würde interessieren, wie Sie die Beziehung des Protagonisten zu seinem Vater interpretieren.
Justus Jonas
~~~
Lieber Justus,
Alba hat sich gut erholt, danke der Nachfrage. Dem Kleinen geht es auch prächtig. Ich muss zugeben, ein wenig bedrückt es mich, nicht bei ihnen sein zu können. Aber wie du weißt, ist mir eine Einreise aktuell nicht möglich. Ich hoffe, das bald ändern zu können. Es gibt in den Staaten einiges auf meiner liste de choses à faire.
Ich muss mich leider kurzfassen.
Bis bald,
Victor
Monsieur Hugenay,
Das ist schön zu hören. Es würde mich für Sie freuen, wenn Sie Ihre Familie besuchen können. Meine Seite des Gesetzes birgt eben doch seine Vorteile. Aber es liegt mir fern, schadenfroh sein. Ich hoffe, Ihre Angelegenheiten klären sich demnächst.
Hier kehrt inzwischen wieder Ruhe ein. Tante Mathilda ist wieder Zuhause, Peter und Bob sind nach wie vor viel unterwegs, aber wir sehen uns regelmäßig.
Der Einstieg in das Berufsleben war sicherlich eine Umgewöhnung, aber ich bin sehr zufrieden mit meiner Wahl.
Wie ist es, wieder in Ihrem Heimatort zu sein? Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so einfach für Sie ist. Waren Sie schon am Friedhof?
Justus
~~~
Mein lieber Justus,
Ich fürchte, ich werde dir in nächster Zeit nicht mehr schreiben können. Bitte sieh davon ab, mir auf diesen Brief zu antworten. Ich werde nicht mehr hier sein, um ihn empfangen zu können und es könnte uns beide in Schwierigkeiten bringen.
Ich verspreche, mich bei dir zu melden, sobald es mir wieder möglich ist.
Victor
Victor,
Monsieur Hugenay,
Ich hoffe, es geht Ihnen gut.
Ich hoffe, bald von Ihnen zu hören.
Wenn ich etwas für Sie tun kann—
Ich ve
~~~
Kühle Dezemberluft roch nach Regen und Justus vergrub die Hände in den Taschen seines Pullovers.
Er war mit Peter und Bob auf dem Weg zurück nach Hause von Jelenas Geburtstagsfeier. Bob erzählte gerade von einem neuen Projekt, aber Justus hörte nur mit halbem Ohr zu.
Heute waren acht Wochen seit Hugenays letztem Brief vergangen.
Anfänglich war ihr Briefverkehr sehr sporadisch, oberflächlich, fast inhaltslos gewesen. In den letzten Monaten jedoch waren die Briefe immer häufiger gekommen und immer länger geworden und Justus musste zugeben, sich an den regelmäßigen Austausch gewohnt zu haben. Nun herrschte seit acht Wochen Funkstille.
Zunächst war Justus zwar leicht besorgt, aber nicht weiter beunruhigt gewesen. Es war ohnehin ein großes Vertrauenszugeständnis gewesen, Justus eine Adresse zu geben, die er ebenso gut jederzeit an die Polizei hätte weitergeben können.
Zu Beginn gab es dazu natürlich keinen Anlass, aber Hugenay hatte mit der Zeit durchblicken lassen, dass er den Weg des Verbrechens doch nicht endgültig hinter sich gelassen hatte - was Justus jedoch ohnehin zu keinem Zeitpunkt wirklich ernsthaft geglaubt hatte.
Überraschung war es demnach keine, dass Hugenay wieder einmal untertauchen musste. Justus wunderte sich eher, dass es so lange gut gegangen war.
Womit Justus allerdings durchaus gerechnet hatte, war, dass Hugenay ihm zumindest zwischendurch schreiben würde, um Justus wissen zu lassen, dass es ihm gut ging.
Aber scheinbar waren selbst Poststempel ein Risiko, das Hugenay zurzeit nicht eingehen konnte. Schließlich hatte Justus keinerlei Anrecht darauf, regelmäßig über Hugenays Wohlbefinden (geschweige denn Aufenthaltsort) informiert zu werden.
Doch so langsam wurde Justus unruhig. Jeder Gang zum Briefkasten war mit einer Anspannung verbunden, die am Ende des Tages in Enttäuschung endete.
Die andere Art von Gedanken verscheuchte Justus in der Regel noch in der Sekunde, in der sie aufkamen. Nur in schwachen Momenten kamen sie an die Oberfläche und Justus fragte sich, ob Hugenay ihn möglicherweise einfach vergessen hatte oder ihm schlicht nicht mehr schreiben wollte. Ob Justus etwas getan hatte, um ihn zu verärgern, ob er ihn langweilte, ob er zu viel war. Ob Hugenay bemerkt hatte, dass Justus ihr Briefwechsel mehr bedeutete, als er vermutlich sollte.
Tatsächlich glauben konnte und wollte er jedoch nichts davon. Hugenay ging es gut und er würde sein Versprechen halten, so wie er es bis jetzt immer getan hatte. Daran hielt er sich fest.
Die schrillen Töne einer Alarmanlage durchbrachen die nächtliche Stille und Justus’ Gedankenkreisen. Sie schienen von einer der Villen auf der Straße vor ihnen zu kommen.
Eine dunkle Gestalt trat auf den Gehsteig.
“Den schnapp ich mir!”, setzte Peter an, doch das war gar nicht nötig. Die Gestalt hatte sie längst bemerkt und schlenderte nun entspannt auf sie zu.
Das Licht einer Straßenlaterne erfasste den Mann und Justus’ Herzschlag reagierte, noch bevor der Name seine Lippen verlassen hatte.
“Hugenay.”
Justus gab es nur ungern zu, aber er war unfassbar erleichtert, den Meisterdieb zu sehen.
Es war fast anderthalb Jahre her, seit er Victor Hugenay das letzte Mal gesehen hatte. Damals, kurz nachdem er ihm das Leben gerettet hatte.
Inzwischen verband Justus viele weitere Erinnerungen mit Hugenay, obwohl sie sich nicht einmal getroffen oder auch nur telefoniert hatten.
Die Abende, an denen Justus gelesen und sich nebenbei Notizen gemacht hatte, um später seine Gedanken für Hugenay zusammenfassen zu können. Die Zugeständnisse über Themen, von denen Justus nie gedacht hätte, dass Hugenay sie je mit ihm besprechen würde. Und irgendwie—
“Was macht der denn hier?”, fragte Peter verdutzt.
“Einbrechen, wie’s aussieht”, antwortete Bob trocken.
Hugenay hatte sie inzwischen erreicht und blieb mit etwas Sicherheitsabstand vor ihnen stehen. Er stand nun direkt im Lichtkegel der Laterne.
Die Schatten in seinem Gesicht ließen ihn älter aussehen als er war und die grauen Strähnen wirkten etwas intensiver. Er trug einen dunkelblauen Anzug. Nicht gerade typische Kleidung für einen Kunstraub, aber schließlich war es Victor Hugenay. Und er sah unverschämt gut aus.
Augenscheinlich ging es ihm blendend. Die Bitterkeit, die diese Feststellung auslöste, verdrängte Justus sofort wieder. Er war froh, dass es Hugenay gut ging. Alles andere sollte zweitrangig sein.
“Justus.” Hugenays Gesicht verriet mit keiner Regung, was er darüber dachte, dass ihr Wiedersehen ausgerechnet hier unter diesen Umständen stattfand.
“Monsieur Hugenay.” Justus Hals war trocken.
Er wischte seine Hände an den Innenseiten der Pullovertaschen ab, bevor er sie herauszog, unschlüssig, was er damit anfangen sollte. Er konnte Hugenay schließlich nicht einfach die Hand geben, auch wenn er das Gefühl hatte, sich irgendwie versichern zu müssen, dass ihn seine Wahrnehmung nicht täuschte.
“Peter. Bob. Schön, euch zu sehen.”
Für einen kurzen Moment hatte Justus tatsächlich vergessen, dass seine Freunde direkt neben ihm standen. Jetzt bohrten sich ihre Blicke nahezu in Justus’ Rücken.
“Ich wusste nicht, dass Sie wieder in der Gegend sind.” Es sollte kein Vorwurf sein und dennoch war es einer.
Wie lang war Hugenay schon zurück? War er gerade erst angekommen oder war er womöglich schon seit Wochen in der Stadt und hatte es schlicht nicht für nötig gehalten, Justus zu kontaktieren?
Vielleicht war es naiv, aber Justus hatte erwartet, dass Hugenay Bescheid sagen würde, wenn er wieder nach Kalifornien kam. Immerhin waren sie… hatten sie eine lange Geschichte miteinander.
“Verzeih mir, dass ich mich nicht gemeldet habe. Man kann nie vorsichtig genug sein.”
Hugenay hatte sicher gute Gründe gehabt, sich nicht zu melden, das wusste er. Die Enge in Justus’ Brust ließ trotzdem nicht nach.
Justus nickte. “Natürlich.”
“Es freut mich dennoch, dass sich unsere Wege ein weiteres Mal kreuzen.”
Vielleicht hatte Hugenay Justus’ Zurückhaltung bemerkt oder möglicherweise einfach nur die Situation inzwischen als unbedrohlich eingestuft.
Was immer der Auslöser, endlich schien Leben in Hugenays Gesicht zu kommen.
Das Lächeln, das Hugenay Justus schenkte, war so aufrichtig, dass Justus’ Magen augenblicklich vergaß, dass er gerade noch sauer gewesen war und stattdessen ein Kribbeln durch Justus’ gesamten Körper schickte.
Justus’ Gehirn jedoch lief weiterhin auf Hochtouren dabei, dieses Gespräch auf zwei Ebenen zu führen.
“Mich würde es mehr freuen, wenn es einmal nicht daran läge, dass Sie das Gesetz brechen.”
“Das ließe sich durchaus einrichten, mein Junge.” Hugenays unleserlicher Blick verharrte einen Moment auf Justus, bevor er Peter und Bob bedachte. “Aber wie ihr feststellen werdet, habe ich mir diesmal nichts zu Schulden kommen lassen.”
“Sie sind also nicht gerade in dieses Haus eingebrochen?”, mischte sich Bob ein.
Hugenay hob die Arme. “Eh bien, ihr könnt mich gerne durchsuchen. Ihr werdet kein Diebesgut an mir finden.”
“Klar. Und die Alarmanlage ist von ganz allein losgegangen.” Peter schnaubte.
“Viel Erfolg dabei, mir das nachzuweisen.” Er wand sich wieder an Justus. “Dir steht es natürlich frei, die Polizei zu rufen und mich bis zu deren Eintreffen hier festzuhalten. Aufgrund meines… Status würde ich es allerdings vorziehen, wenn du dies nicht tun würdest. Es würde mir einige Unannehmlichkeiten und mindestens eine Nacht in Untersuchungshaft ersparen.”
Justus wünschte sich, sie wären alleine und könnten offen kommunizieren. Was Hugenay hier tat, warum er sich nicht gemeldet hatte, ob er schon bei Alba gewesen war. Aber vielleicht war es besser so, denn Justus wüsste nicht, wo er anfangen sollte und er war sich nicht sicher, wie viel von dem, was Hugenay zu sagen hätte, er wirklich hören wollte.
“Wir sollten Cotta Bescheid sagen, Justus. Selbst wenn er tatsächlich nichts hat mitgehen lassen, irgendwas führt er im Schilde!”
Vermutlich hatte Peter damit auch recht. Irgendetwas ging wahrscheinlich vor sich, auch wenn sich der genaue Sachverhalt zum momentanen Zeitpunkt noch Justus’ Kenntnis entzog. Aber darum ging es hier nicht.
Justus glaubte Hugenay, dass er nichts entwendet hatte und auch die Polizei würde ihm nichts nachweisen können.
Dennoch würde eine (wenn auch kurzfristige) Verhaftung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seine Pläne vermutlich illegaler Natur durchkreuzen und einige mehr oder weniger beträchtliche Schwierigkeiten verursachen.
Justus wagte zu bezweifeln, dass er dann in nächster Zeit von Hugenay hören würde. Er würde es ihm nicht übelnehmen, wenn Justus jetzt Cotta anrief, so gut kannte er Hugenay inzwischen. Aber dennoch, Hugenay hatte ihm in letzter Zeit so viel Vertrauen entgegengebracht, dass es definitiv einen Bruch in ihrer wie auch immer gearteten Beziehung darstellen würde. Wenn ein Zusammentreffen mit den Behörden nicht sogar bedeuten würde, dass Hugenay erneut untertauchen musste.
Justus sah zwischen seinen Freunden und Hugenay hin und her.
Dabei war seine Entscheidung eigentlich längst gefallen. Hugenay hatte gewonnen.
“Gehen Sie.”
Hugenay ließ es sich nicht anmerken, doch Justus sah trotzdem die Erleichterung in seinem Blick. Er nickte und schenkte Justus ein Lächeln. “Merci, Justus. Das weiß ich sehr zu schätzen.”
Hugenay wandte sich zum Gehen. Doch Justus konnte die Situation nicht einfach so stehenlassen. Er wusste nicht, wann (ob) sie sich wiedersehen würden, wann (ob) er wieder von Hugenay hören würde. Wenn er ihn jetzt wortlos gehen ließ, nur um danach wieder in Funkstille zu verfallen, würde Justus das für immer bereuen.
Obwohl sein Herz gegen Justus’ Brustkorb hämmerte, brachte er die nächsten Worte ohne Zittern über die Lippen.
“Ich tue das nicht für Sie. Es ist purer Egoismus.”
Hugenay hielt in der Bewegung inne. Seine Augen fanden Justus’, voller Erkenntnis und etwas, das Justus noch nie in ihnen gesehen hatte, und für einen Moment dachte Justus, Hugenay würde noch etwas erwidern.
Doch schon im nächsten Augenblick ertönten Sirenen und der Meisterdieb wand sich mit einem letzten kurzen Nicken ab und verschwand um die nächste Straßenecke.
“Just, was sollte das?? Er darf nicht entkommen!”, rief Peter entsetzt.
“Doch, darf er”, erwiderte Justus müde.
Er ließ seine Schultern fallen, hatte gar nicht bemerkt, wie angespannt er die ganze Zeit über gewesen war.
“Aber es ist Hugenay! Und was war das von wegen Egoismus? Justus?!”
“Lass gut sein, Peter.”
Bob legte Justus eine Hand auf die Schulter. Er konnte unmöglich verstanden haben, was gerade passiert war, aber er schien zu spüren, dass etwas passiert war. Er schob Justus auf die andere Straßenseite und bevor die Sirenen den Block erreichten, verschwanden die drei in die entgegengesetzte Richtung.
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Mit jedem Tag, der verging, bereute Justus seine impulsive Entscheidung ein wenig mehr. In dem Moment war es ihm wie die beste Option vorgekommen. Wenn Justus Hugenay wortlos hätte gehen lassen, hätte er womöglich nie wieder von ihm gehört. Schlimmer als das könnte die Reaktion auf Justus’ Geständnis nicht sein.
So hatte Justus zumindest gedacht. Denn die Funkstille, die folgte, war erdrückender als alles je zuvor.
Hätte Justus seine Gefühle für sich behalten, hätte Hugenay ihn vielleicht nochmal besucht oder wenigstens geschrieben, um sich zu bedanken. So wie sonst auch. Aber Justus hatte ihre Beziehung unwiderruflich verändert.
Denn jetzt konnte sich Justus nicht mehr einreden, dass Hugenay einfach nicht schreiben konnte, es aber nichts mit Justus zu tun hatte.
Jetzt war es persönlich, jetzt war es Zurückweisung und Zweifel und… Hoffnung. Der tägliche Gang zum Briefkasten, als würde er die Lottozahlen prüfen, obwohl er gar nicht gespielt hatte.
Doch Justus hatte gespielt.
Zwei Monate nach ihrer nächtlichen Begegnung lag einen Umschlag ohne Absender in seinem Briefkasten.
Mein lieber Justus,
Es tut mir leid, dass ich dich habe warten lassen.
Ich habe lange überlegt, ob ich dir schreiben soll. Aber du verdienst eine Antwort und es ist mir zur Zeit nicht möglich, dich zu treffen. Ich hoffe, du kannst mir das verzeihen.
Ich hoffe auch, dass du mir verzeihen kannst, dass das hier mein letzter Brief sein wird. Bitte versteh mich nicht falsch. Nichts liegt mir ferner, als dich zu kränken. Du dürftest inzwischen wissen, wie sehr ich dich schätze. Was immer du jetzt fühlst, es wird vergehen.
Verzeih mir meinen Egoismus.
Victor Hugenay
